24 Flaggen – ein Projekt der Kunstmeile Hamburg
Juni – Oktober 2026
Mit dem Projekt „24 Flaggen“ macht die Kunstmeile Hamburg Kunst im Stadtraum erlebbar. Nach der ersten Ausgabe im Sommer des vergangenen Jahres wird die Reihe entlang der 24 Flaggenmasten – rund um den Glockengießerwall und den Klosterwall – nun mit einer zweiten Edition fortgesetzt.
Flaggen sind vertraute Elemente urbaner Orientierung und Infrastruktur sowie Bildträger zugleich. Eingebettet in die visuelle Ordnung der Stadt, begegnen sie dem Publikum hier als künstlerische Setzungen. Nacheinander entwickeln Chloë Bass, Iman Issa und Nathalie Du Pasquier ortsspezifische Arbeiten. Gemeinsam ist ihnen ein Interesse daran, wie Bedeutung im Zusammenspiel von Kontext, Anordnung und Situationen des Sehens entsteht: Chloë Bass untersucht, wie intime Erfahrungen in öffentlichen und urbanen Kontexten neu ausgehandelt werden. Iman Issa überführt historische Bezüge, Text und Objekt in neue Konstellationen und reflektiert damit Bedingungen der Wahrnehmung. Nathalie Du Pasquier arbeitet mit Malerei, Objekt sowie Installation und kombiniert gegenständliche und abstrakte Elemente zu räumlichen Arrangements.
Die „24 Flaggen“ der Kunstmeile Hamburg geben Kunst im Alltag der Stadt Präsenz. Frei zugänglich und jederzeit sichtbar erweitern die Arbeiten den institutionellen Raum in den öffentlichen hinein und verschieben damit auch den Ort ihrer Rezeption. Kunst begegnet dem Publikum hier nicht als Ziel, sondern wird Teil alltäglicher Wege durch die Stadt.
Jury: Corinne Diserens (Leitung & Ausstellungskuratorin Kunst der Gegenwart, Hamburger Kunsthalle), Nadine Isabelle Henrich (Kuratorin des Haus der Photographie & Leitung des Zentrum für visuelle Medien, Deichtorhallen Hamburg) und Paul Grziwok (Projektleitung, Kunstmeile Hamburg)
Introtext: Katrin Krumm
Fotos der Flaggen: Lashproduction
Design Flyer: NODE Berlin Oslo
Zeitplan:
29.6. – 16.8. Chloë Bass
(zwischendurch hängen vom 20.7. – 3.8. die Flaggen des Hamburg Pride e.V.)
17.8. – 20.9. Iman Issa
21.9. – 25.10. Nathalie du Pasquier
Chloë Bass
29.6. – 16.8.
Chloë Bass’ künstlerische Praxis verhandelt das Verhältnis von Intimität und Öffentlichkeit. Dieser Spannung nähert sie sich mit den Mitteln von Performance, Installation, Text, Fotografie und Sound. Ihre Ausbildung in Theater und Performance bildet dabei die Grundlage für eine Arbeitsweise, die Sprache, Körper, Material und Architektur verbindet. Bass versteht alltägliche Situationen als politisch aufschlussreich und überführt sie in oft ortsspezifische Arbeiten. Ihr sorgsames Interesse gilt der Frage, wie persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Strukturen und urbanen Räumen verflochten sind: Dabei erweitert sie ihre Beobachtungen von der eigenen Perspektive über Paarbeziehungen bis hin zu Familie und größeren sozialen oder politischen Zusammenhängen. Urbane Räume dienen dabei immer wieder als konkrete Schauplätze ihrer Untersuchungen. Ihre Arbeiten schaffen Raum für persönliche Reflexion und Orientierung und setzen sich für Öffentlichkeit als Raum ein, der von allen gestaltet wird. (Katrin Krumm)
Die textbasierte Arbeit von Chloë Bass nutzt die Sequenz von je drei Flaggen, um einen dissonanten Imaginationsraum zu eröffnen: Ein Bild des Alltags, so schön, dass es den endlosen Zerstörungen des Krieges Einhalt gebietet. Dabei wählt Bass das ambivalente Wort „cancel“, das auch auf Zensurpraktiken und das Unsichtbarmachen unerwünschter Perspektiven auf sozialen Medien bezogen werden kann. Wahrnehmung und Wirklichkeit operieren in algorithmischen Aufmerksamkeitsökonomien zunehmend dissonant oder losgelöst voneinander. In einem algorithmisch geordneten Feed kann sich ein Krieg in seiner Aufmerksamkeitswirksamkeit abnutzen und unbequeme Narrative können in ihrer Sichtbarkeit von Plattformen gezielt reduziert werden. Die tägliche Bildwahrnehmung im Feed, in der die Inszenierung des unbeschwerten Alltags unmittelbar neben Bildern des Konflikts existiert, findet bei Bass eine formelhafte Verdichtung. Im Umkehrschluss steigt dabei die Einsicht eines unmöglichen Alltags in den Wirren des Krieges auf. Die Komposition bestehend aus dreimal fünf übereinander gesetzten Worten lässt auch Querverbindungen zu: image – beautiful – endless und life – cancels – war. Bass evoziert auch ein utopisches Potenzial und stellt hier implizit die Frage, inwieweit ein Bild von großer Schönheit eine positive Vision schaffen kann, die den Narrativen der Feindschaft entgegenwirkt. (Nadine Isabelle Henrich)
Chloë Bass: “Diese Serie aus drei Flaggen fordert uns auf, uns etwas Schönes, aber Unmögliches vorzustellen. Welches einzelne Bild aus dem Alltag könnte die Schäden des Krieges ungeschehen machen? Es ist eine optimistische Vorstellung, die uns vielleicht dazu inspirieren könnte, mehr Schönheit in unser eigenes Leben zu bringen. Sie mahnt uns jedoch auch daran, dass die Schaffung von Schönheit auf lokaler Ebene nicht ausreicht, um weltweit größeres Unheil ungeschehen zu machen. Ein Bild, egal wie schön es auch sein mag, ist nur die Darstellung eines Augenblicks. Es ist keine Handlung oder Abfolge von Handlungen, die Heilung bewirkt, auch wenn wir weiterhin hoffen, dass Schönheit die Welt verändern wird.”
Iman Issa
17.8. – 20.9.
Im Zentrum von Iman Issas künstlerischer Praxis steht die Frage, wie Bedeutung entsteht und vermittelt wird. In Skulptur, Fotografie, Text, Video und Sound entwickelt sie „Displays“ – Anordnungen, in denen Objekte, Bilder und Texte an den Schnittstellen von Wahrnehmung, Erinnerung und institutionellem Kontext aufeinandertreffen. Bedeutung erscheint dabei nicht als feste Eigenschaft der Dinge, sondern als Ergebnis der Beziehungen ihrer Elemente zueinander und der Wahrnehmung durch die Betrachtenden.
Brief an den, der hinschaut (Germany 2026) führt diese Fragestellungen im öffentlichen Raum fort. Die über den Stadtraum verteilte Arbeit besteht aus 24 Flaggen, die arabische Wörter, Farbflächen, Zahlen, Formen, Symbole und Bildfragmente zu eigenständigen Kompositionen zusammensetzen. Anstatt eine eindeutige Lesart vorzugeben, fordert die Arbeit Betrachtende dazu auf, Bedeutung aus den Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen und ihrer eigenen Wahrnehmung zu entwickeln. (Jasmin Holtkötter)
Iman Issa: „Das Projekt ist als Brief konzipiert, der sich über 24 Fahnen entfaltet. Der Brief ist in acht eigenständige Abschnitte unterteilt, von denen jeder drei Fahnen umfasst; alle richten sich an denjenigen, der sie lesen möchte. Die Fahnen sind über die ganze Stadt verteilt. Ein Betrachter kann entscheiden, ob er sie der Reihe nach lesen oder sich mit dem Lesen nur eines Abschnitts begnügen möchte. Sie enthalten Bilder, Farben, Texte, geometrische Formen und andere Muster. Alle Texte sind auf Arabisch verfasst, eine Übersetzung liegt nicht vor; doch ob man die Bedeutung des Abschnitts des Briefes, zu dessen Gestaltung man beiträgt, entschlüsseln kann, hängt nicht davon ab, ob man die Sprache versteht oder nicht. Die Prämisse leitet sich aus der Sehtheorie von Ibn al-Haytham ab. Für Ibn al-Haytham gab es keinen wirklichen Unterschied zwischen Bildern, Texten, Formen und Mustern. Sobald die Distanz der Bilder zur Welt feststand, unterschied sich ihre Wirkungsweise nicht mehr von der eines Textes und umgekehrt. Für ihn war die Wahrnehmung ein aktiver Prozess, bei dem sowohl die Form eines Wortes und seine Farbe als auch die begrifflichen Assoziationen eines Bildes für deren Interpretation entscheidend waren. Auf der Grundlage seiner Gedanken wurde dieser Brief verfasst, und nun liegt es am Leser – oder genauer gesagt, an dem Betrachter, der seiner Logik folgt –, ihm Bedeutung zu verleihen (oder auch nicht).“




















