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Kunstverein in Hamburg

Ausstellungen

#UNFINISHEDTRACES
Lerato Shadi - Batho Ba Me

27.6. - 19.7.2020

Der Kunstverein in Hamburg freut sich, in der Ausstellungsserie #UNFINISHEDTRACES die Preisträger*innen der Villa Romana vorstellen zu dürfen. Der Villa Romana-Preis ist der älteste Kunstpreis Deutschlands und wird seit 1905 an vier Künstler*innen verliehen. 
Die Künstler*innen Jeewi Lee, Christophe Ndabananiye, Lerato Shadi und Viron Erol Vert sind die Preisträger*innen 2018, ausgewählt von Nasan Tur (Künstler) und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung (Direktor, SAVVY Contemporary, Berlin).

Mit #UNFINISHEDTRACES haben die Künstler*innen die Ausstellungsserie selbst betitelt. Er bezieht sich auf Gemeinsamkeiten in ihren Arbeiten, die auf unterschiedliche Art eine Spurensuche verfolgen; Erinnerungen, nicht erzählte Geschichte(n), die eigene Biografie und der Versuch, Abwesendes erfahrbar zu machen, sind Ankerpunkte der einzelnen Projekte. Mit dem Hinweis auf das Unabgeschlossene eröffnet sich ein Spannungsfeld zwischen Zukünftigem und Vergangenem. Jede Ausstellung an sich ist die Verwirklichung einer Möglichkeit – Vieldeutigkeit, Durchlässigkeit und Beweglichkeit spielen hierbei eine Rolle, sowohl von künstlerischer wie auch institutioneller Seite. Es entsteht ein Experiment, das über die spezifischen Projekte hinausweist. Ergänzt durch ein Online-Begleitprogramm, wird sich über drei Monate ein vielseitiger Dialog entfalten.

 

Lerato Shadi - Batho Ba Me

Lerato Shadi untersucht westliche Geschichtsauffassungen und macht mit ihren Arbeiten das Unsichtbare oder Übersehene darin sichtbar. Ihre künstlerische Praxis fokussiert dabei auf Körperpolitiken und nimmt insbesondere Bezug auf Erfahrungen, die sich in Körper einschreiben. In Medien wie Zeichnung, Performance, Film und Installation thematisiert sie institutionelle Gewalt, patriarchale und koloniale Strategien des Ausschlusses oder Vergessens und widerständige subjektive Erzählungen.

Der Titel der Ausstellung, Batho ba me, ist eine Floskel auf Setswana, die insbesondere als Ansprache in politischen Reden auftaucht und übersetzt in etwa „Mein Volk“ oder „Meine Mitmenschen“ bedeutet. Shadi nutzt seit einigen Jahren häufig Setswana, um Ausstellungen und Arbeiten zu benennen. Bereits über diese Sprachwahl stellt Shadi Fragen nach Inklusion und Exklusion: Wer wird auf welche Weise angesprochen und wer nicht? Setswana ist heute eine von elf Amtssprachen Südafrikas und wird von knapp 10% der Bevölkerung gesprochen. Zu Zeiten der Apartheid war Setswana eine der unterdrückten Sprachen des Landes.

Die titelgebende Installation zeigt in schwarzer Schrift auf rotem Grund den Wortlaut „We the people“ (Wir, das Volk). Dabei handelt es sich um eine Formulierung, die weltweit in vielen Staatsverfassungen in der Präambel zu finden ist. Shadi spitzt diesen Schriftzug durch zwei Neonelemente zu der Frage „Are we the people?“ (Sind wir das Volk?) zu, die sich direkt an die Betrachter*innen richtet. Für wen ist das „Wir“, das hier behauptet wird, tatsächliche Realität und wie wird das „Wir“ definiert? Shadi verweist auf eine grundlegende Diskrepanz von Ein- und Ausschluss, die immer dann Auftritt, wenn Gemeinschaften sich konstituieren. Insbesondere in politischen Diskursen wird das „Wir“ verwendet, um ein Gemeinschaftsgefühl zu behaupten, das kritisch hinterfragt werden muss. Debatten über den Zugang zu Bürger- und Menschenrechten zeigen wiederholt, dass die Frage nach dem „Wir“ stets problematisch ist. Auch die im Ausstellungsraum artikulierte Frage nach Zugehörigkeit stellt sich für alle Betrachtenden anders, denn sie steht in enger Verbindung mit dem jeweils eigenen Hintergrund.

Zentral für viele von Shadis Arbeiten ist der Zweifel an vermeintlich universellen Betrachtungsweisen, den sie durch die subjektive Lesart ihrer Kunstwerke betont. In diesem Zusammenhang stehen auch vier überdimensionalen Fotografien erhobener Fäuste im Raum. Sie alle unterscheiden sich in der Daumenstellung und der damit einhergehenden Vielzahl an Bedeutungsebenen. Je nach individuellem Vorwissen und Kontext der Besucher*innen können sie mit simplen Glückwunschgesten, sexuellen Anspielungen oder mit der gestohlenen Nase aus dem Kinderspiel verbunden werden. Die bekannteste Geste ist vielleicht die Faust mit dem Daumen, der über den geschlossenen Fingern liegt. Sie ist unter anderem Symbol der weltweiten Gewerkschaft Industrial Workers of the World, der Frauenrechtsbewegung oder der Black Power-Bewegung, aber auch einiger rechtsextremer Vereinigungen. Der Titel der Arbeiten, I know what a closed fist means, steht im Widerspruch zu den schier endlosen Interpretationsmöglichkeiten der einzelnen erhobenen Fäuste. Die Behauptung zu wissen, was eine geschlossene Faust bedeutet, lässt sich kaum einlösen. Shadi macht deutlich, dass Wissen und Erfahrung immer im Zusammenhang mit der eigenen Perspektive entstehen und sich nur schwerlich verallgemeinern lassen.

Vom selben Thema erzählt auch die Audioarbeit Mabogo Dinku, in der Shadi ein Lied auf Setswana singt, ohne dass eine Übersetzung angeboten wird. Der Titel ist die erste Hälfte eines bekannten Sprichworts, das sich bei allen darum Wissenden direkt im Kopf zu seinem Ganzen zusammensetzen würde. Shadi verweigert die Erklärung bewusst, um die Unterdrückung der Geschichte der indigenen Menschen Südafrikas zu unterstreichen. Durch Kolonialisierung und Apartheid wurde sie in der offiziellen, geschriebenen Geschichte des Landes ausgelöscht. Eine Möglichkeit des Widerstands gegen diese Politik bot die mündliche Überlieferung von Geschichte(n) in den ebenfalls unterdrückten einheimischen Sprachen. Durch diese und andere ephemere und kodierte Momente der Tradierung ist die Geschichte Südafrikas heute bruchstückhaft und voller Lücken. Indem die Künstlerin mit ihren Besucher*innen in einer Sprache kommuniziert, die nur von sehr wenigen Menschen verstanden wird, betont sie die Zugangshürden zu spezifisch situierten Formen von Wissen und Erfahrungen, die sich auch nicht einfach übersetzen lassen. Das Gefühl von Hilflosigkeit und Unverständnis, das sich beim Publikum einstellen kann, ist für Shadi eine Einladung, sich über die eigene Subjektivität und Perspektive klarzuwerden. Für die Künstlerin ist die Akzeptanz des eigenen eingeschränkten Blickwinkels der Schlüssel für ein vielfältiges Miteinander und gegenseitiges Verständnis.

Lerato Shadi (geboren in Mahikeng, Südafrika, lebt und arbeitet in Berlin) studierte Kunst an der University of Johannesburg und erlangte ein M.A. in Raumstrategien an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Ihre Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, u. a.: Musée d’Art Moderne de Paris (Dezember, 2020); 14th Curitiba Biennial in Brasilien, SAVVY Contemporary, Berlin (beide 2019); Kunsthal Amersfoort in Holland, Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt (beide 2018); sowie im Programm The Parliament of Bodies auf der documenta 14 in Kassel (2017).

 

Weitere Informationen zum laufenden Programm finden Sie hier.

 

Foto: Lerato Shadi, Batho Ba Me, Installationsansicht, 2020

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