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Hamburger Kunsthalle

Ausstellungen

Pieter de Hooch (1629–1684), Der Liebesbote, um 1670, © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: Elke Walford Lars Eidinger (*1976), Ohne Titel, Berlin, 2020, © Beim Künstler Stefan Marx (*1979), Pardon my late response, 2021, © Stefan Marx, Foto: Christoph Irrgang

KLASSE GESELLSCHAFT
Alltag im Blick niederländischer Meister. Mit Lars Eidinger und Stefan Marx

26.11.21 – 27.03.22

Mit Klasse Gesellschaft widmet die Hamburger Kunsthalle einem Kapitel einer der facettenreichsten Epochen der europäischen Kunstgeschichte – der Kunst des holländischen und flämischen 17. Jahrhunderts – und ihren renommiertesten Vertretern eine umfassende Ausstellung, in der die beiden zeitgenössischen Künstler Lars Eidinger (*1976) und Stefan Marx (*1979) die Themen und Motive der Alten Meister mit neuen Arbeiten reflektieren. Ausgangspunkt der mit rund 200 Werken groß angelegten Schau ist der hochkarätige Bestand der Hamburger Kunsthalle an Genremalerei niederländischer und flämischer Meister, der einen Schwerpunkt des Sammlungsbereiches Alte Meister der Kunsthalle bildet. Die Gemälde werden um Zeichnungen und druckgraphische Arbeiten aus dem Kupferstichkabinett der Kunsthalle ebenso ergänzt wie um ca. 80 bedeutende Leihgaben, unter anderem aus dem Metropolitan Museum New York und der Eremitage St. Petersburg sowie aus großen europäischen Museen wie dem Rijksmuseum Amsterdam, dem Museo Nacional Thyssen-Bornemisza Madrid, dem Kunsthistorischen Museum Wien, dem Nationalmuseum Stockholm, dem Kunstmuseum Basel und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München. Rund ein weiteres Drittel der ausgestellten Arbeiten stammt von dem Künstler Stefan Marx, der eigens für die Ausstellung Schriftbilder realisiert hat und von Lars Eidinger, von dem Fotografien und Videoarbeiten präsentiert werden.

Die Malerei erlebte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung einen großen Aufschwung. Dabei erfuhr die Genremalerei aufgrund ihrer sehr realitätsnah wirkenden Darstellungen bei wohlhabenden Bürger*innen und Kaufleuten eine hohe Wertschätzung. Äußerst beliebt unter den gemalten Alltagsszenen waren die eleganten, atmosphärischen Interieurs und familiären Szenen der Delfter Feinmaler um Pieter de Hooch (1629–1684) – von dem allein 20 Gemälde präsentiert werden. Ebenso populär waren die überspitzten, ironischen Schilderungen des bäuerlichen Milieus und zügellosen Treibens der einfachen Leute, wie sie der niederländische Künstler Jan Steen (1626–um 1679) aber auch die Flamen David Teniers d. J. (1610–1690) sowie Adriaen Brouwer (1605/06–vor 1638) malten. In acht Kapiteln entfaltet die Ausstellung einen Rundgang von der Darstellung der Frau und dem Motiv des Briefschreibens und –empfangens, über die feiernden, trinkenden und rauchenden Bauern sowie die sozialen Ungleichheiten und das Thema Spiele und Zeitvertreib bis zu den Wissenschaftlern und Quacksalbern sowie den Winterstücken.

Teilweise eingewoben bzw. in eigenen, in den Rundgang integrierten Bereichen sind Fotografien und Videoarbeiten von Lars Eidinger und Schriftbilder von Stefan Marx. Eidinger hat eine ganz eigene Affinität zur Kunst der Alten Meister, mit der er sich bereits u.a. in Theaterarbeiten beschäftigt hat. Seine Motive spiegeln das alltägliche Leben: Es sind lebendige und tiefsinnige, teilweise humorvolle Bilder, die sich offenbaren. Scheinbar banale Alltagsszenen, die sich bei näherem Hinsehen als vielschichtige Beobachtungen der Wirklichkeit herausstellen, die das vermeintlich Nebensächliche in den Mittelpunkt rücken. Ohne zu moralisieren, sind seine Fotografien Kommentare und bringen uns dazu, genau hinzuschauen und uns und unser Handeln in Frage zu stellen. Den Sprachbildern von Stefan Marx gelingt es durch ihre grundsätzliche Offenheit und Allgemeingültigkeit, neue Perspektiven in der Auseinandersetzung mit den niederländischen Genreszenen zu erschließen. Er kommentiert die Darstellungen. Durch diese zugespitzte Gegenüberstellung entsteht eine spannungsvolle Wechselwirkung: die überraschend ungebrochene Aktualität der Alten Meister wird erfahrbar – die dargestellten Figuren erscheinen lebendig.
Dem häufigen Vorurteil, dass die Kunst der Alten Meister und ihr Entstehungskontext nur wenig mit den komplexen Zusammenhängen und Themen von heute zu tun hat, möchte Klasse Gesellschaft mit Querverweisen zwischen den Darstellungen des 17. Jahrhunderts und den aktuellen gesellschaftskritischen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts entgegenwirken. Durch die vermeintlich ungewöhnliche Gegenüberstellung von scheinbar ganz andersartigen künstlerischen Positionen von Eidinger und Marx entsteht ein größerer Kontext und ein spannender Dialog, der neue Sichtweisen auf die Kunst ermöglicht. Der Ausstellungstitel ist als Wortspiel zu verstehen, das einerseits als positiver Ausspruch erscheint, aber zugleich die Klassengesellschaft impliziert und auf Klassenunterschiede verweist. Alle ausgestellten Werke sind unmittelbar mit der Gesellschaft verwoben: Die Künstler des 17. Jahrhunderts verarbeiteten ihre Momentaufnahmen mit ihrer Fantasie – angereichert in Bildern, Zeichnungen und Druckgraphiken. Lars Eidinger hält seine alltäglichen Beobachtungen in Fotografien und Videoarbeiten fest. Stefan Marx verbindet das Gesehene und Gehörte mit Musikzitaten und überträgt es in Schriftbilder. So liefern alle vertretenen Künstler mit Blicken auf die Gesellschaft ein visuelles Zeugnis der Welt, in der sie lebten oder leben. Klasse Gesellschaft spannt damit einen ungewöhnlich neuartigen Bogen vom 17. Jahrhundert in die heutige Zeit, deckt überraschende Parallelen auf und stößt eine Diskussion kontroverser Themen an.

Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog, der neben zahlreichen Essays von renommierten Expert*innen auch Interviews mit Lars Eidinger und Stefan Marx beinhaltet. Begleitend wird zudem ein Künstlerheft von Stefan Marx veröffentlicht (3 Euro), in dem er zeichnerisch und humorvoll auf Bilder der Alten Meister reagiert und diese damit »zum Sprechen bringt«. Ein Audioguide stellt an rund 30 Stationen historische, soziale und politische Hintergründe sowie Entstehungsgeschichten zu ausgewählten Werken, Provenienzen und Verweise auf kunsttechnologische Besonderheiten bereit. Ein animierter Film stellt neben Einblicken in die Ausstellung auch die Künstler in kurzen Porträts vor und bettet sie in den größeren historischen Kontext ihrer Zeit ein.

Gefördert von: Behörde für Kultur und Medien Hamburg, Hubertus Wald Stiftung, Dorit & Alexander Otto Stiftung, Kulturstiftung der Länder, Ernst von Siemens Kunststiftung, Botschaft des Königreichs der Niederlande in Berlin

 

Bild 1: Pieter de Hooch (1629–1684), Der Liebesbote, um 1670, © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: Elke Walford
Bild 2: Lars Eidinger (*1976), Ohne Titel, Berlin, 2020, © Beim Künstler
Bild 3: Stefan Marx (*1979), Pardon my late response, 2021, © Stefan Marx, Foto: Christoph Irrgang

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Do. 10 – 21 Uhr,
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