Best & Boldest #1: Daiga Grantina - Pillars Sliding off Coat-ee

28. Januar bis 2. April 2017
Daiga Grantina, Buff in Red, 2016, heap-core,,, kim? Contemporary Art Center Riga, Installationsansicht, 2016, photo: Toan Vu-HuuDaiga Grantina, Buff in Red, 2016, heap-core,,, kim? Contemporary Art Center Riga, Installationsansicht, 2016, photo: Toan Vu-Huu

Der Kunstverein präsentiert in Zusammenarbeit mit Neue Kunst in Hamburg e.V. die junge Künstlerin Daiga Grantina (*1985 in Riga, Lettland) mit ihrer ersten großen Einzelausstellung in Deutschland. Mit der Ausstellung wird die Serie Best & Boldest des Kunstvereins eröffnet. In dieser Serie wird eine Bandbreite von jungen KünstlerInnen vorgestellt, die in allen Medien, mit allen Überzeugungen arbeiten, aber mit einer Gemeinsamkeit: Sie setzen sich facettenreich mit Fragen zu unserer Wirklichkeit auseinander.

Grantina schafft ausschweifende Plastiken aus perforierten und wandelbaren Oberflächen, die trotz ihrer scheinbaren Monumentalität eine fragile Leichtigkeit vermitteln. Vermeintliche Gegensätze von flüssig und fest oder weich und hart werden aufgehoben. In ständiger Metamorphose klettern und kriechen die halbtransparenten Objekte durch den Ausstellungsraum. Grantina bezieht sich in ihrer künstlerischen Praxis auf die lange Tradition von Malerei und Skulptur. Beispielsweise setzt sie sich mit dem Gemälde The Mountain des berüchtigten Malers Balthus auseinander, dessen Figurenpersonal sie ins Dreidimensionale überträgt und in amorphe Formen zerlegt. Grantinas Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Formauflösung und Formwerdung und wirken so wie eine Übertragung der Malerei des Informel in den Raum.

Die üppigen Skulpturen funktionieren wie Organismen aus industriellen Materialien und Nippes. PVC, Lüftungsrohre, schimmernde Drähte und Kabelbinder übernehmen dabei allegorische Funktionen als Organe oder Eingeweide und verweisen auf die technische Erweiterung des Körpers in der heutigen Zeit. Eine aktuelle Reihe von Arbeiten – die sogenannten Buffs – sind wie Kokons als Bündel zwischen Boden und Decke installiert. Sie erscheinen wie Außenskelette oder schalenförmige Körper aus aufgeblähtem Elastan, das durch eine flüssige Plastikschicht gehärtet wurde. Die Ausstellung wird durch neue Arbeiten ergänzt. Darin nimmt die Künstlerin Bezug zu den chaostheoretischen Überlegungen Otto Rösslers, der dynamische Prozesse mit einer Bonbon-Knetmaschine, dem sogenannten „Taffy Puller“ vergleicht. Mittels entgegengesetzt rotierender Bewegungen wird die kristalline Masse gezogen und gestaucht und jeder Moment in diesem Prozess ist einzigartig und lässt sich nicht wiederholen. Für Grantina ist der Taffy Puller nicht nur eine Analogie zu chaotischen Bewegungen, sondern auch zur eigenen künstlerischen Praxis. Statt skulpturaler Ewigkeit erwecken die Plastiken vielmehr den Eindruck beständiger Transformation.

Die Künstlerin installiert im Kunstverein ein dreidimensionales Tableau, in dem sie die Säulen und Wände des Ausstellungsraums, wie im Titel zur Ausstellung angedeutet, deplatziert, koloriert und entkleidet. Wie ein Parasit dringt sie dabei in die institutionelle Infrastruktur ein, als würde sie sich diese einverleiben. Ein narrativer Audioguide von Mary Rinebold Copeland verstärkt den immersiven Effekt der Installation und verwandelt den unteren Ausstellungsraum in ein kinematografisches Gesamterlebnis.

Daiga Grantina (*1985 in Riga, Lettland; lebt und arbeitet in Paris) hat an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studiert. Ihre Arbeiten wurden international gezeigt. Ihre jüngsten Einzelausstellungen fanden statt im Kunsthaus Bregenz; kim? Contemporary Art Centre, Riga; Galerie Joseph Tang, Paris, Mathew Gallery, Berlin, und in der Hester Gallery, New York. Sie war unter anderem in Gruppenausstellungen auf der Bergen Assembly in Norwegen und bei Campoli Presti in London vertreten. 2013 war sie Teil eines internationalen Forschungsaufenthalts am Palais de Tokyo in Paris.

 Kuratiert von Rhea Dall.

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, der Hamburgischen Kulturstiftung und der Leinemann-Stiftung für Bildung und Kunst.